Der Anfang vom Ende des Friedhofszwangs?

Wie lange habe ich auf so eine Meldung gewartet?!

sueddeutsche.de: Zu Hause ist’s am Schönsten, Abschaffung des Friedhofszwangs in Bremen

Warum?

Weil ich mich intensiv mit dem Tod auseinander gesetzt habe und 2007/08 ein Jahr im Hospiz ehrenamtlich tätig war. Weil ich den Gedanken bisher unerträglich fand, dass sogar im Tod noch geregelt sein soll, was man darf / nicht darf und das aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen. Weil es überhaupt keinen plausiblen Grund dafür gibt, warum man z.B. die Asche eines Verstorbenen in D nicht mit nach Hause nehmen darf. Was man, um es vorweg zu nehmen, im Moment immer noch nicht darf.

Bremen erlaubt jetzt, die Asche auch auf privaten Flächen, etwa im heimischen Garten, zu verstreuen. Und wie im Artikel bezeichnet, handelt es sich – auch aus meiner Sicht – um eine kleine Revolution oder immerhin um einen guten Anfang. Zwar braucht es bestimmte Voraussetzungen, dass man das darf, aber immerhin – ein Anfang ist gemacht.

Es ist kein Geheimnis, dass andere Länder, u.a. die Schweiz, diesbezüglich liberaler agieren – UND:

Deutsche Bestattungsunternehmen ermöglichen es Angehörigen immerhin, Verstorbene im Ausland verbrennen und deren Asche sich später per Post zuschicken zu lassen.

Bislang die einzige Möglichkeit, die deutsche Friedhofspflicht zu umgehen. Für mich war das ein Trost. Ich könnte mich auch in der Schweiz verbrennen lassen, wenn ich dann einst meinen Körper verlassen hab, und meine Angehörigen könnten mit meiner Asche machen was sie wollen. Soweit zu meinen bisherigen Vorstellungen.

Nun will es aber just meine Tochter so (noch ist nicht aller Tage Abend, aber im Rahmen meiner Hospiz-Aktivität hatte ich das Thema angesprochen), dass sie ein Grab hat, wo ich beerdigt bin und damit einen Ort, wo sie hingehen kann. Von der sprichwörtlichen Asche auf dem Kaminsims schien sie nicht so viel zu halten. Aber über die Pflichten in Zusammenhang mit einem Grab hat sie sich womöglich auch noch keinerlei Gedanken gemacht. Insofern… Das letzte Wort wird da noch nicht gesprochen sein.

Und auch das ist kein Geheimnis: Der einst aus Gründen der Hygiene in Preußen verordnete Friedhofszwang war und ist für Kirchen, Kommunen, Bestattungsunternehmer, Blumenverkäufer, Kerzenhändler und Steinmetze ein äußerst einträgliches Geschäft. In Bremen ist die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft dennoch recht glücklich darüber, sich am Ende gegen die CDU und ihre guten Branchenkontakte durchgesetzt zu haben.

Das war für mich bisher der einzig wahre Grund für die Friedhofspflicht in Deutschland.

Es gibt viele Bedenken – von der katholischen Kirche wurde die Feuerbestattung erst 1963 erlaubt.

Es gibt wohl auch heute noch Leute, die Angst davor haben, ein Körper könnte verbrannt werden, bevor die Seele wirklich tot oder entfleucht ist. Teilst du diese Sorge für dich persönlich?

Vertreter beider christlichen Kirchen befürchten eine „Privatisierung von Tod und Trauer“.

Sie befürchten eine Privatisierung von Tod und Trauer?? Gehts noch? Wo gehört denn die Trauer um einen Verstorbenen wirklich hin? Doch nicht etwa in die Öffentlichkeit, wo keiner dem Verstorbenen nahe stand?! Doch nicht etwa in fremde Hände wie die Kirche (außer jemand wünscht, sich entsprechend begleiten zu lassen)?!

Durch den Bremer Vorstoß jedenfalls dürfte der allgemeine Friedhofszwang auch in anderen Bundesländern langsam bröckeln. Wegen des offenkundigen Widerspruchs (Asche auf einem abschließbaren Privatgrundstück ja, Urne in einer abschließbaren Wohnung nein) dürfte es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis die „Urne auf dem Kaminsims“ auch hierzulande ganz legal wird.

Ja, ja und nochmal: Ja! Also werde ich mir mit dem Sterben – schon deswegen 😛 – noch etwas Zeit lassen! Ich will, auch wenn es mir völlig schnuppe sein könnte, auch im Tod frei sein. Oder meine Angehörigen, die sich dann überlegen dürfen, was ihnen am liebsten ist. Selbst wenn sie sich dann ganz konventionell für ein Grab entscheiden sollten.

170b Ausschnitt_Kerze

Na wenn das kein November-Thema ist…

PS: Sagte ich was von Blog-Müdigkeit? Ach, was interessiert mich mein Gerede von gestern…

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10 Gedanken zu „Der Anfang vom Ende des Friedhofszwangs?

  1. Hallo Marion!

    Ja, auch wir haben diese Nachricht interessiert und erfreut aufgenommen! Wir sind gespannt wie sich das Ganze entwickeln und wie weit man gehen wird!

    Wir sind der Meinung, dass man doch bitte den einzelnen Menschen entscheiden lassen soll, was mit seiner Asche passiert. Okay, dass Erdbestattungen nur auf dem Friedhof stattfinden, da gehen wir konform. Aber wenn jemand verbrannt wurde und es um die Asche geht? Nein, da muss mehr Freiheit her!

    Wir denken übrigens nicht, dass die Seele noch lange in einem verstorbenen Körper verbleibt, daher haben wir auch kein Problem mit der Einäscherung.

    LG und einen schönen Samstag
    AnDi

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    • Hallo AnDi,

      das freut mich zu lesen, dass es euch mit dem Thema etwas ähnlich geht wie mir.

      Genau, jeder soll selbst entscheiden dürfen bzw. es seinen Angehörigen überlassen, was für sie am meisten stimmt. Richtig, dass die Erdbestattung auf einem Friedhof stattfindet, auch wenn es ein Friedwald ist (umso schöner), kann ich nachvollziehen. Aber eben, was bitte soll bei einer Asche noch ein Hygieneproblem darstellen?

      Das mit dem Austritt einer Seele oder eines Bewusstseins aus dem verstorbenen Körper sehe ich ähnlich wie ihr. Innerhalb von ein paar Tagen sollte es da kein Problem mehr geben.

      LG, euch einen angenehme Samstag Abend
      Marion

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  2. Hallo Marion,

    da sprichst du ein Thema an, mit dem ich mich auch schon längere Zeit beschäftige. Bei uns in Hamburg herrscht immer noch die Friedhofspflicht, leider.
    Aber ich bin guten Mutes, dass in der Zeit, die ich noch zu leben hoffe, auch hier meine Asche im Garten verstreut werden darf.
    Für mich habe ich festgelegt, dass mein Körper nach meinem Tode verbrannt werden soll und auch mit meiner Familie habe ich alles besprochen.

    Lieben Gruß
    Tina

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    • Hallo Tina,

      es freut mich zu lesen, dass du auch ein bewusst und offen mit dem Tod umgehender Mensch bist.

      Das wär schon fein, wenn das Verstreuen der Asche im Garten möglich wär, wenn das für die Hinterbliebenen auch so passt.

      Ich muss das Thema mit meinen Kindern später noch nochmal ansprechen. Ich glaub, es war für sie noch nicht reif, als ich es tat. Sie konnten oder wollten sich das noch nicht vorstellen.

      Lieben Gruß
      Marion

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  3. Liebe Marion,

    ich bin hier ganz deiner Ansicht. Auch ich wollte mich schon immer nach meinem Tod verbrennen und – wenn möglich – die Asche irgendwo verstreuen lassen. Wo, ist mir egal …

    Mit meiner Tochter habe ich darüber gesprochen und sie teilt meine Ansicht. Insofern: keine Probleme – falls die Friedhofspflicht tatsächlich (rechtzeitig) „fällt“, was ich stark hoffe!

    P.S.: Übrigens ist im Friedwald nur Urnen-Bestattung möglich!
    Siehe: friedwald.de/trauerfall/feuerbestattung

    Liebe Grüße,
    Helga

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    • Liebe Helga,

      dann hoffe ich auch für dich, dass sich das Fallen des Friedhofszwangs von Bremen über ganz D ausweiten möge. Schön, dass ihr euch einig seid, deine Tochter und du 🙂

      Wie aus dem oben genannten Link hervorgeht, braucht es im Moment in Bremen folgende Voraussetzung für das Verstreuen der Asche eines Verstorbenen auf einem privaten Grundstück:

      Natürlich: Es gibt da allerlei zu beachten. Zum Beispiel, dass der Verstorbene „in einer schriftlichen Verfügung einen Verstreuungsort zur Ausbringung“ und eine „Person zur Totenfürsorge“ bestimmt haben muss. Diese Person sollte gleich nach Ableben des zu Verstreuenden nicht nur eine „Zustimmungserklärung des Grundstückseigentümers“ nachweisen, sondern auch eidesstattlich versichern, dass es beim Verstreuen nicht zu einer „unzumutbaren Beeinträchtigung benachbarter Grundstücke“ kommt.

      Beim Senat für Umwelt, Bau und Verkehr in Bremen formuliert man es zusammenfassend so: „Am Ende muss klar sein, dass die Urne vom Opa nicht doch noch auf dem Kaminsims landet.“ Zum Beispiel, weil der Opa mit einem Familienmitglied etwas vereinbart hat, von dem alle anderen Angehörigen gar nichts wussten. „Dann hätte der Totenfürsorger einen Meineid geschworen“, erklärt Sprecher Jens Tittmann, „und das ist in Deutschland kein Bagatelldelikt. Dafür kann man auch mal ins Gefängnis wandern.“

      Also ganz so einfach ist es auch dort noch nicht, aber wie oben gesagt, immerhin…

      Schönen Sonntag und liebe Grüße
      Marion

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  4. ENDLICH ENDLICH ENDLICH!

    Bevor mein Vater starb haben wir öfters über seine Beerdigung gesprochen. Über alles was damit zusammen hängt. Mein Vater war in diesem Punkt ganz einfach gestrickt. Immer wenn ich mit dem Thema begonnen habe, um etwas mehr von ihm zu erfahren, antwortete er immer gleich: „Nimm das billigste, ich bin doch dann eh tot und bekomme nichts mehr mit.“

    Wir unterhielten uns, und es kam zur Sprache, wie schön es doch wäre, wenn ich ihn einfach auf meinen Kamin stellen könnte. Dann wäre er wenigstens immer bei mir. Er war ebenfalls begeistert und so machte ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten. Ich kürze hier ab. Ich hätte ihn schon ins Ausland bringen müssen, und die Asche hätte auch nicht in Deutschland wieder einreisen dürfen.

    Am Ende ist es der Friedwald geworden und mein Platz ist auch bereits unter unserem Familien-Baum bezahlt. Es ist etwas wunderbares, denn ich kann zu ihm gehen, den Baum umarmen, in die Blätterkrone schauen und weiß, dass er komplett in diesem Baum aufgegangen ist.

    Er liebte den Wald und somit war es perfekt für uns alle. Aber noch lieber wäre es mir, wenn er hier neben mir wäre. Auch wenn es nur die Asche in eine Urne ist.

    Es wurde höchste Zeit für diese Veränderung! Denn ich bin auch der Meinung, dass es heutzutage nur noch um den wirtschaftlichen Aspekt geht.

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    • Hallo Julita,

      es freut mich, dass ich auch dir aus der Seele spreche mit obigem Beitrag. Die Asche eines geliebten Menschen in einer Urne bei sich zu haben ist auch für mich die liebste Vorstellung (wobei das nicht für meine Eltern gilt, aber das ist ein anderes Thema). Schade, dass ihr dahin keinen Weg gefunden habt mit deinem Vater, aber beim Lesen deines Kommentars dachte ich: Wie entlastend, wenn man offen über diese Dinge sprechen kann, auch mit dem Sterbenden!

      Dass ihr der Idealvorstellung mit dem Friedwald doch sehr nahe gekommen seid, freut mich.

      Der Rest möge sich bald ändern, so dass man dann auch in D die Urne auf den Kaminsims stellen kann, wenn man das Bedürfnis dazu hat.

      LG, Marion

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