Aus der Schildermacherei III

166.1 Beitragsbild

Als ich kürzlich in der Woche mit Fieber Freitags für ein paar Stunden in die Werkstatt kam, wartete u.a. dieser Pokal auf eine Beschilderung: 166 Pokal 28.01.2015

Im ersten Moment musste ich lachen, als der Chef das Teil aus dem Karton zog. Für mich sah es aus wie ein Alien. Aber das Runde oben dran soll wohl ein Football sein, was man z.B. bei diesem Pokal [scheinbar wurde das Foto dort inzw. entfernt, schade, Anm. 27.05.2015] etwas besser sehen kann. Football in der Schweiz – man lernt nie aus 🙂

Gestern machte ich ein Schild für den „besten Hundeführer“ für einen Pokal, wo ein metallenes Wildschwein auf einem hölzernen Sockel steht. Ich hab keine Ahnung, was der beste Hundeführer mit einem Wildschwein zu tun hat. Aber Hauptsache, der Kunde bekommt, was er gewollt hatte.

Bei der Pokalbeschilderung mag ich am meisten, dass ich in der Regel Kreativitätsspielraum habe: Wie groß genau wird das Schild, welche Schriftart wähle ich, manchmal auch: Welches Material verwende ich für das Schild.

Was ich bei manchen Pokalen hasse wie die Pest ist, dass, wenn das zu ersetzende Schild woanders angefertigt und montiert wurde als bei uns, es oft ganzflächig so fest mit dem Pokal verklebt ist, dass man es mit dem Messerchen kaum runter bekommt und Gefahr läuft, sich zu schneiden, weil das Schild haftet wie der Teufel. Manchmal muss ich dann den Chef um Hilfe bitten, da mir die Kraft fehlt, es so abzumachen, dass weder Pokal noch meine Hände beschädigt werden. Da solche Schilder oft jährlich erneuert werden, ergibt es Sinn, sie nur per Klebestreifen am Rand zu befestigen, so dass man sie beim nächsten Mal auch wieder ab bekommt.

Gestern kam der Chef mit einem goldfarbigen Metallschloss zu mir nach hinten; der Kunde stand im Laden. Ob wir da zwei Herzen und Text drauf gravieren können? Wir besprachen es. Er meinte, das wird eine rechte Knübelei. Ich sagte, ja, ein bissl knübeln muss man schon, aber es sollte durchaus gehen.

Es sollte unbedingt gestern auch fertig werden. Solche Sachen kommen meist sehr kurzfristig. Männern, die ihre Liebste überraschen wollen, fällt es – aus welchem Grund auch immer – meist erst am gleichen Tag, meist am Freitag, ein, dass sie es spätestens am Abend (vor dem Wochenende) fertig haben wollen. In dem Fall gestern sagte der Kunde noch, es spiele keine Rolle was es kostet.

Da das Schloss auf einer Seite einen Kleber drauf hatte, der nicht recht abgehen wollte, begann ich da mit allem zu putzen, was wir zur Verfügung haben: Spiritus, Wundbezin, Nitro-Verdünnung. Mit letzterem löste es den Kleber am besten an, trotzdem war es noch eine Kratzerei mit dem Fingernagel. Plötzlich stellte ich fest, dass der dunkelblaue Aufdruck des Herstellers auf der Rückseite vom Nitro völlig angelöst wurde. Also runter damit.

Da die Seite mit dem Kleber eh eine kreisrunde Kratzspur aufwies, die gestört hätte, beschlossen wir, die Gravur auf der nun völlig blanken Seite zu machen, wo vorher der Herstelleraufdruck war. Die Haupt-Herausforderung waren die zwei schräg geneigten Oberflächen des Schlosses. Wie einspannen, dass die jeweils zu gravierende Fläche oben völlig plan ist? Der Chef half mir, so bekamen wir es mit Unterlegen auf einer Seite und Wasserwaage gut hin. Gott sei Dank fand ich in der Symbol-Bibliothek des Computers ein passendes Herz für diesen Zweck. Sonst hätten wir u.U. eins vom Computer des Chefs übernommen. Und dann wurde die Schriftart ausgesucht, Herzen und Schriften wurden geneigt und gedreht, bis alles so aussah, wie es der Kunde sich vorgestellt hatte. Beim Gravieren hab ich dann in der Aufregung einen zu dicken Fräser gewählt, aber das ist niemandem aufgefallen und ich habs für mich behalten ;).

Jedenfalls war die Gravur sehr hübsch, wir waren alle begeistert. Dass der Kunde die Gravur rot eingefärbt haben wollte, empfanden wir als kitschig, aber Geschmäcker sind nun mal verschieden. Also wurde rot eingefärbt. Leider trocknet die rote Farbe sehr langsam und es dauerte bis nach dem Mittag, bis wir die überschüssige Farbe abputzen konnten. Da die Oberfläche des Schlosses relativ grob war, hatte sich die rote Farbe schön in die kleinen Rillen gehockt, d.h. ich musste mit Wattestäbchen und Nitro arbeiten, um möglichst alles raus zu bekommen, gleichzeitig sehr vorsichtig, damit die Farbe dort drin bleibt, wo sie bleiben soll. Ich war relativ unsicher mit dem Ergebnis und zeigte es dem Chef. Er ist in der Regel sehr penibel, hat ein feines Auge und Gespür für Optik und sieht sofort, wenn etwas auch nur minimal schief ist oder sonstwie nicht 100%ig passt. Er fragte, womit ich denn unzufrieden bin? Gott sei Dank, ihm gefiel es. Ich sagte, so toll sieht es schon nicht aus mit der roten Farbe. Worauf er meinte, ja das sei Geschmackssache. Aber die Arbeit an sich ist tadellos gemacht.

Das sah der telefonisch benachrichtige Kunde, der kurz nach dem Anruf im Laden stand, übrigens auch so. Er war vollstens zufrieden und happy. So soll es sein! 🙂

167 Schloss mit Herzen. 06.02.2015_mit dem Smart

Wenn man genau hinschaut, erkennt man, dass der Schriftzug „forever“ von den Buchstaben her leicht gesperrt wurde, während der Schriftzug „Feb. 2015“ leicht eingeengt wurde, damit sie ungefähr gleich lang sind und sich ein gleichmäßiges Bild ergibt. Das sind die Feinheiten. Und wenn man genau schaut, sieht man auch noch ganz leichte rote Schatten auf dem goldenen Metall. Ohne die rote Farbe hätte das Ganze sehr edel ausgesehen. Aber wie gesagt: Geschmäcker sind verschieden.

Hab ich es schon erwähnt? Ich MAG meinen neuen Beruf. Er macht mich glücklich.

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10 Gedanken zu „Aus der Schildermacherei III

  1. Hallo Marion,
    mal wieder richtig interessant. Uebrigens: auch ich dachte bei dem Pokal an ein Alien. Und auch jetzt noch muss ich sagen, wie ein Football sieht es eigentlich wirklich nicht aus.
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit

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    • Hallo Pit,
      da bin ich froh, dass es nicht nur mir so geht. Nein, wie ein Football sieht es eigentlich nicht wirklich aus. Was sich der Hersteller dabei gedacht hat, wer weiß…
      Schön, wenn du interessiert gelesen hast 🙂
      Wünsch dir einen schönen Samstag Nachmittag und Abend.
      LG, Marion

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  4. Haha, ich dachte auch, was soll das denn sein? Sieht ja aus wie ein Alien……;) Toll beschrieben und wirklich tolle Arbeit. Ich kann mir vorstellen, dass dir das Spass macht. Abwechslung und immer wieder Herausforderungen…. Ich hoffe, dass du da lange Spass dran hast.

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