Zwischen den Zeilen – oder – Das Licht der Nacht

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Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. WELCHE Zeit vermag das?

Die Zeit, innerhalb derer die Politik – in ihrem eigenen Universum – agiert? Die Zeit, in der die Ämter und Behörden nach ihrer Taktung funktionieren? Die, nach der die Schuluhr die Stunden angibt? Die Zeit, die innerhalb einer Firma mit ihren eigenen Abläufen und aufeinander treffenden Charakteren entsteht? Die, die gestempelt wird? Die, die man innerhalb einer Gemeinschaft verbracht hat, die sich Familie nennt, aber vielleicht nur eine Schicksalsgemeinschaft sein konnte? Die Atomzeit?

Mir scheint, es ist das Finden der eigenen Zeit, die das – vielleicht – vermag. Aber was ist das, meine eigene Zeit?

Es ist Zeit, in der ich mich und meine Bedürfnisse spüren und mein Leben entsprechend einzuteilen vermag. Zeit, in der ich weiß was gut für mich ist und entsprechende Entscheidungen treffen kann. Zeit, die ich aus vorgegebener Fremd-Zeit heraus zu meiner eigenen zu machen vermag, in der mein eigener Puls schlägt und ich ganz bei mir bin, statt nach fremden Regeln zu funktionieren und etwas hinterher zu hasten, das nicht meinen Werten entspricht.

932 Westpark München_24.12.2014

Die Schnittmenge? Ja, die muss ich wohl manchmal in Kauf nehmen. Aber je mehr ich meine eigene Zeit an fremde verliere, umso schlechter fühle ich mich, umso mehr verliere ich mich, umso mehr fühle ich mich im Schraubstock einer allgegenwärtigen allmächtigen fremden Zeit und Bestimmung.

Vielleicht wird es irgendwann in der Zukunft eine Zeit für mich geben, in der meine eigene Zeit alle anderen Zeiten ausblendet bzw. überlagert. Was für ein Traum!

In dem Maß, wie ich meine Zeit nicht nur finden, sondern immer wieder finden kann, nachdem sie mir abhanden gekommen ist…, wie ich immer wieder in sie eintauchen und damit die andere Zeit und die mit ihr verbundenen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen kann…, in dem Maß kann ich heilsame Zeit um mich ausspannen. Oder die Zeit anhalten. Um mich in ihr auszudehnen und zu sein.

Zu diesen Betrachtungen führt mich das eben ausgelesene Buch Der Plan von der Abschaffung des Dunkels vom Dänen Peter Høeg (von ihm stammt auch das bekannte Fräulein Smillas Gespür für Schnee).

1993 De måske egnede. (dt.: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Hanser, München 1995, ISBN 3-446-17820-1) Dieser Roman besteht aus zwei Ebenen:

Vordergründig handelt er vom Weg der Hauptperson durch Waisenhäuser, Kinderheime und eine Internatsschule bis zur (rettenden) Adoption in der Pubertät. Gewalterfahrungen, Misshandlungen durch Betreuer und andere Kinder sowie Überlebensstrategien von Schicksalsgenossen zeichnen ein knallhartes Bild der Heimkinder-Realität. An der Internatsschule steigt der Spannungsbogen, weil die Kinder einen Plan erfühlen, nach dem gesteuert wird. Es bleibt aber subtil – die Absichtlichkeit, Motive und Ziele bleiben verborgen.

In diese Rahmenhandlung ist ein Grundthema eingearbeitet: Zeit. Zeit als Mittel gesellschaftlicher Herrschaft und Zeit und Bewusstsein. Der erste Satz des Romans lautet: „Was ist Zeit?“. Auf der Mikro-Ebene sind es z. B. die exakt bemessenen Sprechpausen im Unterricht, mit denen Druck aufgebaut wird. Auf der Makro-Ebene ist es die Vereinheitlichung der Weltzeit und der Wandel der Uhr von einem Kunstwerk-zum-Lobe-Gottes zum gesellschaftlichen Verhaltens-Steuerungs-Instrument (was noch gar nicht so lange her ist). Sporadisch werden Überlegungen zur Verzahnung von Zeitwahrnehmung und Bewusstsein eingestreut – Voraussetzung dafür, dass Zeit überhaupt als wirksames Herrschaftsinstrument eingesetzt werden kann. Von der kindlichen Entwicklung des Zeitgefühls (aus der „Fläche“ in den „Tunnel“ der linearen Zeit geraten) bis zu der herausragenden Bemerkung über die Fähigkeit, überhaupt einen Zeitbegriff entwickeln und reflektieren zu können: dass es einen unveränderlichen Hintergrund geben muss, vor dem Veränderung als Veränderung erfahren werden kann. Letzteres wird sogar in der aktuellen psychologischen Fachliteratur aufgegriffen und zitiert.[3]

Der Roman wirkt autobiografisch. Der Autor hat hier eigene Erlebnisse aufgearbeitet. Der Roman wurde für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert.

Quelle

Ein Buch, das Dinge greifbar zu machen vermag, die meist zwischen den Zeilen liegen und von Sprache nicht erfasst werden. Ein besonderes Buch, das zweifellos eine Entsprechung im Innern des Lesers braucht, um auf Resonanz zu stoßen. Ich behaupte, viele, viele, zu viele von uns gehören dazu.

Was macht ein Buch zu einem wertvollen Buch? Für mich u.a., dass es Worte für etwas findet, das ich kenne, dafür aber bisher keine Worte hatte. Dass es mir Gedanken und Verbindungen bringt, die mir bisher fehlten. Dass es ein Bewusstsein in mir entstehen lassen kann, das vorher so nicht da war. In diesem Sinne ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ ⭐ 5 von 5 möglichen Sternen von mir. Abtauchen in eine andere Welt, eine innere Welt, eine, die mir bekannt war, die aber mangels Worten im Schatten lag.

Übrigens – heute Abend ist voller Mond…

Als ich gestern nach einer Beschreibung seiner Qualität suchte, fand ich an verschiedenen Stellen, es gehe um Schattenthemen, global und privat. Nun – geht es um die nicht immer?

Ganz nach dem Motto des gestern schon zitierten Songs…

 

Heilsames Durchleuchten von Schattenthemen wünsche ich uns allen.

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2 Gedanken zu „Zwischen den Zeilen – oder – Das Licht der Nacht

  1. Pingback: In meine Zeit finden | Unterm Firmament

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